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Lernen mit Wohlfühlfaktor


Grundschulkinder fördern

Wie Kinder gut lernen

Lernen mit Wohlfühlfaktor

Aufmerksamkeits-Lenkung

Ungünstige Interaktionen

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Die Kinder da abholen, wo sie stehen

Damit Kinder gut lernen können, müssen sie sich beim Lernen wohl fühlen.

Dazu genügt ein geduldig-wohlwollender Umgang mit den Kindern. Das bedeutet inbesondere, dass man die Kinder da abholt, wo sie stehen, und dass man die Erwartungshaltung bezüglich der Lernfortschritte den Fähigkeiten der Kinder anpasst. Für Eltern ist das manchmal schwieriger durchzuhalten als für Fördernde, die nicht zum engsten Familienkreis gehören.

Es ist das größte Pfund, das man als Fördernder von einzelnen Kindern und Kleinstgruppen hat, dass man sich am Stand und an den Möglichkeiten der Kinder orientieren kann. Mit diesem Pfund muss man wuchern. Es ist Verpflichtung, den Kindern Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Wenn ich von den Kindern höre 'Das macht ja Spaß' oder erlebe, dass die Kinder mich aktiv angehen mit dem Wunsch, dass ich mit ihnen arbeite, weiß ich, dass ich das richtig mache.


Lernen mit direkter Rückmeldung und 'ohne Rotstift'

Wenn man mit Kindern einzeln oder in Kleinstgruppen arbeitet, erhalten die Kinder sofort Rückmeldung über Erfolg oder Misserfolg. Das ist emotional befriedigend und führt zu unmittelbaren Veränderungen, sowohl bei den Kindern als auch beim Fördernden. Und wenn man wie oben beschrieben sich an den Möglichkeiten der Kinder orientiert, erleben die Kinder überwiegend Erfolge.

In der Erarbeitungsphase eines neuen Themas kann es keine 'Fehler' geben. Danach ist es wichtig, den Fokus der Kinder nicht auf ihre Fehler zu lenken, sondern auf die vielen Aufgaben, die sie richtig lösen. Das bedeutet, dass man Fehler nicht markiert. Wenn man etwas markieren will, dann die richtigen Lösungen.


Stetige Verbesserung der Förderung

Wichtig ist zu verstehen, was es bedeutet, wenn trotz großer Anstrengung ein Fördervorgang nicht zum Erfolg führt. Im 1. und 2. Schuljahr liegt das fast nie an den Kindern! Diese Erkenntnis ist wichtig für die wohlwollende Zusammenarbeit mit einem Kind.

Arbeitshypothese muss sein, dass unzureichender Erfolg an der Art der Förderung liegt. Es gilt, die Schwachstellen der Förderung zu finden und zu beheben. Das ist gleichzeitig ein Anreiz, die Qualität der Förderung ständig zu verbessern.

Manche neuen (aber auch althergebrachten) didaktischen Konzepte sind für leistungsschwächere Kinder wenig geeignet. Man sollte keinen didaktischen Ansatz für selbstverständlich halten, auch wenn er für einen selbst noch so plausibel ist oder im regulären Unterricht als selbstverständlich erachtet wird oder irgendeinem neuen Erkenntnisstand entspricht.

Einen Sonderfall stellen Kinder mit geringer innerer Anstrengungsbereitschaft dar trotz oberflächlicher Motivation. Ich kenne das hauptsächlich von Jungen in der Rechtschreibförderung des 3. und 4. Schuljahrs, wo es ein verbreitetes Phänomen ist. Im 2. Schuljahr ist auch bei leistungsschwächeren Jungen die Anstrengungsbereitschaft besser, so dass ich bei Jungen den Fokus hierhin lege.


Verzicht auf Förderung

Es gibt auch Situationen, in denen es sinnvoll ist, auf Förderung zu verzichten. Ich praktiziere das bisher hauptsächlich bei Problemfeldern, die mit Raumlage-Wahrnehmungsstörungen der Kinder zu tun haben.

Das betrifft in der Mathematik vor allem die Begriffe Vorgänger und Nachfolger, das Verwechseln von Zehnern und Einern sowie den Umgang mit mehrdimensional dargestellten Zahlenraümen.

Ähnlich verhält es sich, wenn die Kinder Buchstaben und Ziffern spiegelverkehrt schreiben. Es verliert sich mit der Zeit, denn eine gezielte Förderung ist auch hier kaum möglich (natürlich lässt man die Kinder alle falsch geschriebenen Zeichen korrigieren).
Eine Besonderheit stellt die Verwechslung von 'b' und 'd' dar. Das ist ohne Förderung ein hartnäckiges Problem, und eine gezielte Förderung ist in diesem Fall erfolgreich (siehe Kapitel 'b/d-Verwechslung').

Ich verzichte auch auf die Förderung von Kindern, deren Lernfähigkeit zum aktuellen Zeitpunkt stark eingeschränkt ist. Solche Fälle sind zumindest an 'meiner' Schule äußerst selten, es gibt sie aber. Natürlich benötigen gerade diese Kinder eine besondere Förderung, aber eine solche empfinde ich als jenseits meiner Möglichkeiten. Ich möchte den 'normal' leistungsschwachen Kindern helfen, und bereits diesem Wunsch kann ich aus zeitlichen Gründen nur eingeschränkt entsprechen. Kinder, die keinerlei Chance haben, zum aktuellen Zeitpunkt den Stoff der Grundschule auch nur einigermaßen zu beherrschen in einem akzeptablen Zeitrahmen, sind entweder entsprechend ihrer Entwicklung zu früh eingeschult worden oder aber gehören nach meinem Verständnis auf eine Schule, die eine ständige gezielte Förderung praktiziert, die auf extrem lernschwache Kinder ausgerichtet ist. Regelschulen sind personell meist nicht so ausgestattet, dass eine solche Förderung dort möglich wäre. Die attraktive Inklusionsidee funktioniert unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht. In derart schwierigen Situationen kann ich mit meinen zeitlich sehr beschränkten Möglichkeiten nicht helfen.
Eine Schwierigkeit besteht darin, im 1. Schuljahr zu erkennen, ob ein solcher Extremfall vorliegt. Große Anfangsprobleme muss man zunächst allen Kindern zugestehen. Mit der Zeit merkt man aber, ob es Lernfortschritte gibt (der absolute Regelfall) oder eben nicht.

Ob ein Fall von zu früher Einschulung vorliegt oder eine generelle Lernbehinderung, ist für die aktuelle Förderung irrelevant. Ich verzichte in jedem Fall darauf, nachdem ich unzureichende Lernfähigkeit festgestellt habe. Wenn ein Kind dann die erste Klasse wiederholt, finde ich heraus, ob es jetzt Lernfortschritte gibt, und entsprechend verhalte ich mich.

Ich verzichte auch auf die Rechtschreibförderung von Kindern mit mangelnder innerer Anstrengungsbereitschaft im 3. und 4. Schuljahr, auch wenn eine oberflächliche Motivation gegeben ist. Das betrifft praktisch ausschließlich Jungen. Nach meinen bisherigen Erfahrungen ist Förderung in diesen Fällen Verschwendung von Zeit, Zeit, die dann den förderfähigen Kindern fehlt. Bei Jungen lege ich wie oben beschrieben den Schwerpunkt bei der Rechtschreibförderung auf das 2. Schuljahr, auch wenn man da nur die elementareren Rechtschreibstrukturen vermitteln kann.

Es gibt weitere Beeinträchtigungen der Kinder wie sehr geringe Merkfähigkeit, die eine Förderung fragwürdig machen können. Hier muss man fallweise entscheiden.


Im Teufelskreis der Misserfolge

Die Ursachen für Leistungsschwäche sind vielfältig. Sie liegen keineswegs nur bei den Kindern.

Die in der Schule praktizierte Didaktik hat oft nicht die leistungsschwächeren Kinder im Fokus. Beispielsweise wird im 1. Schuljahr meist nichts dafür getan, den Kindern das nichtzählende Subtrahieren im Zahlenraum bis 10 so beizubringen, dass sie Aufgaben wie 8 - 6 zügig und sicher lösen können. Gravierender ist das fehlende gute Automatisieren beim Ergänzen ('wie viel fehlt von 2 bis 8?'), das beherrscht werden muss, wenn die Kinder das Rechnen mit Zehnerübergang mit dem in der Schule vermittelten Teilschrittverfahren praktizieren sollen (12 - 8 =). Die leistungsstärkere 'Hälfte' der Klasse schafft das trotzdem, aber bei den leistungsschwächeren Kindern besteht die Gefahr, dass es erste Lücken in den Basisfertigkeiten gibt und ersten Mathe-Frust.

Die in der Schule verfolgten Ziele stellen in ihrer praktizierten Ausprägung zum Teil eine große Hürde dar für Kinder mit entsprechenden Schwierigkeiten. Ein Beispiel sind die oben erwähnten Begriffe Vorgänger und Nachfolger oder das Arbeiten mit dem Hunderterfeld. Auf diese Dinge kann ohne jeden Nachteil oder sogar mit Vorteil verzichtet werden.

Manche schulisch-modernen Ziele erreichen große Teile der Klasse nicht. Das betrifft vor allem das den Kindern bereits im 1. Schuljahr abverlangte Klassifizieren und Abstrahieren in schriftlicher Form ('was fällt dir auf?', 'mit welchem Rechentrick hast du gerechnet?'). Erstklässler denken im Konkreten. Im lehrermoderierten Dialog sind solche Fragen sinnvoll, nicht aber als eigenständig von einem Kind zu lösende schriftliche Aufgabe.

Auch manche Übungsformate bereiten den leistungsschwächeren Kindern Schwierigkeiten, obwohl sie keine eigenständige Bedeutung haben. Das Rechnen mit Zahlenmauern gehört beispielsweise dazu. Ich denke dabei gerne in den Kategorien 'Was ist Pflicht, was ist Kür?' Auch die leistungsschwächeren Kinder sollten die Pflicht-Themen beherrschen, und dem dient meine Förderung.

Es leuchtet ein, dass leistungsschwächere Kinder durch solche für sie ungünstigen Rahmenbedingungen entmutigt werden können. Entmutigung ist eine schlechte Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Die Kinder werden immer schwächer in ihren Leistungen, ein Teufelskreis setzt ein. Zuhause haben diese Kinder oft auch nicht die notwendige Unterstützung.

Mädchen lassen sich tendenziell besonders leicht entmutigen und fühlen sich schwach. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass meine Mathematikförderung hauptsächlich Mädchen betrifft. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass sie oft gar keine massiven Schwierigkeiten mit dem mathematischen Verständnis haben. Wenn man die diversen Themen angemessen erklärt, verstehen sie sie auch. Das Automatisieren der Rechenfertigkeiten erfordert bei den leistungsschwächeren Kindern seine Zeit, funktioniert aber. Wichtig ist es, sich auf die Kernthemen zu konzentrieren. Leistungsschwächere Kinder benötigen den klaren Fokus auf Kernfertigkeiten.

Die oben beschriebene mangelnde innere Anstrengungsbereitsachaft der Jungen bei der Rechtschreibförderung in Klasse 3 und 4 mag auch zum Teil durch Misserfolge in den Eingangsklassen zustandegekommen oder begünstigt worden sein. Ein Grund mehr, die Eingangsklassen bei der Förderung im Fokus zu haben.


Sich als Fördernder wohl fühlen

Es ist auch wichtig, dass man sich als Fördernder wohl fühlt. Ich arbeite nur mit Kleinstgruppen von 1 bis 3 Kindern (meist 2 Kindern). Das ist einerseits für die persönliche Atmosphäre mit den Kindern günstig. Ich praktiziere das aber nicht zuletzt deshalb, weil ich es nicht schaffe, größere Gruppen so ruhig zu halten, dass ich mich selbst wohl fühle. Es kommt vor, dass ich allein aus diesem Grund mit einem Kind einzeln arbeite.


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www.horst-albrecht.de Stand: 19.10.2017