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Wie Kinder gut lernen


Grundschulkinder fördern

Wie Kinder gut lernen

Lernen mit Wohlfühlfaktor

Aufmerksamkeits-Lenkung

Ungünstige Interaktionen

Raumlage-Wahrnehmungsstörungen

Mathematik

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Automatisieren

Am Anfang meiner Fördertätigkeit dachte ich, dass, wenn bei einem Kind 'der Groschen gefallen ist', das jeweilige Thema dann weitgehend abgehakt ist. Leider ist dem nicht so.

Einen Lerngegenstand verständnisorientiert zu vermitteln ist der allererste Schritt. Danach muss durch wiederholendes Üben der Lerngegenstand so verinnerlicht werden, dass er automatisiert, d.h. ohne Nachdenken, beherrscht wird.

Am Ende des ersten Schuljahrs sollten die Kinder beispielsweise die Aufgabe 8 - 6 ohne Nachdenken lösen können. Kindern, die eine solche Aufgabe nicht automatisiert lösen, bleibt nur das zählende Rechnen übrig, was sich dann im 2. Schuljahr verfestigt, wenn es um Aufgaben wie 68 - 6 geht.

Erwachsene empfinden Wiederholungen oft als langweilig. Kinder hingegen wiederholen gerne, und da zum Verfestigen das Wiederholen von bereits beherrschten Fertigkeiten gehört, haben sie dabei Erfolgserlebnisse.

Gutes Automatisieren ist oft nicht einfach.
Im Fach Mathematik gibt es eine Tendenz, leistungsschwächeren Kindern das Rechnen mit Anschauungsmaterialien verständlich machen zu wollen. Vom Rechnen im Zahlenraum bis 10 abgesehen ist das meist keine robuste Herangehensweise, denn viele leistungsschwächere Kinder haben Probleme mit dem Transfer vom Materialumgang hin zum symbolischen Rechnen.
Mit der Verwendung nicht-robuster Methoden ist die Gefahr verknüpft, dass man beim Automatisieren ein falsches Ziel verfolgt. Wenn man mit Anschauungsmaterial einen bestimmten Rechengang darstellen will, kann es passieren, dass man sich damit begnügt, den Umgang mit dem Material zu automatisieren, insbesondere, wenn dieser dem Kind schwerfällt. Tatsächlich zu automatisieren ist aber der Rechengang beim symbolischen Rechnen, letztlich sollen die Kinder sicher symbolisch rechnen können. Anschauungsmaterial, wenn man es denn verwenden möchte, gehört ausschließlich zum Prozess der Verständnisvermittlung. Das Automatisieren muss sich auf das Rechnen mit Zahlsymbolen beziehen. Deshalb verwende ich jenseits des Zahlenraums bis 10 zur Veranschaulichung die Montessori-Zahlenkarten. Hier wird von vorneherein auf der Symbolebene gearbeitet.

Beim Vermitteln der Rechtschreibung besteht die Gefahr, dass der kognitive Umgang mit Rechtschreibregeln das Ziel des Automatisierens ist oder die Beherrschung von Teilaspekten. Oft wird zum Vermitteln der Konsonantenverdopplung ('er kommt') die Regel genutzt, dass auf einen kurzen Vokal zwei (oder mehr) Konsonanten folgen. Da nicht wenige Kinder Schwierigkeiten haben, kurze Vokale zu erkennen, besteht die Gefahr, dass das Automatisieren sich auf das Erkennen kurzer Vokale beschränkt. Das ist jedoch nur der erste Schritt zur Konsonantenverdopplung.

In letzter Zeit wird mir immer bewusster, dass es beim Automatisieren auf viele und manchmal kleinste Details ankommt. Ein wichtiger Aspekt ist beispielsweise die Aufmerksamkeits-Lenkung.


Three Chunks only

Als Jugendlicher habe ich mir häufig die Zeitschrift 'LIFE' gekauft. Das war gut für mein Englisch, aber gekauft habe ich sie mir vor allem wegen der tollen Fotoreportagen und interessanten Artikel. Ich erinnnere mich an den Artikel 'Three Chunks Only', dessen Kernaussage darin bestand, dass wir uns bei einem Merkvorgang auf maximal 3 Merkeinheiten beschränken sollten.

Wenn die Merkeinheiten in einem größeren Kontext mit 'rotem Faden' stehen, kann man sich mehr als 3 Einheiten auf einmal aneignen. Das ist beispielsweise beim Lernen von Vokabeln eines fremdsprachlichen Textes der Fall. Beim nachhaltigen Lernen von kontextfreien Fakten ist es hingegen vorteilhaft, das Three-Chunks-Only-Prinzip zu beachten.


Die Ähnlichkeitshemmung (Ranschburg-Phänomen)

Haben Sie Schwierigkeiten zu sagen, was Stalagmiten sind und was Stalagtiten, oder was konvex ist und was konkav, oder systolisch und diastolisch? Falls ja, sind Sie Opfer der Ähnlichkeitshemmung geworden. Wenn Sie zwei Dinge lernen wollen, die in irgendeinem Sinne ähnlich sind, ist dies mit besonderen Schwierigkeiten verbunden. Die Lösung besteht darin, nur eins der beiden Dinge automatisierend zu lernen. Wenn Sie wissen, was Stalagmiten sind, dann wissen Sie auch, was Stalagtiten sind. Neben der Beschränkung auf eines der beiden Lernthemen sind Eselsbrücken äußerst hilfreich.

Im Schulalltag ist die Ähnlichkeitshemmung u.a. präsent bei den zahlreichen Problemen der Kinder, die mit der Raumlage-Wahrnehmung zu tun haben. Das beginnt bei Problemen mit der Links-Rechts-Unterscheidung (wenn man diese nicht beherrscht, sind beide Richtungen ähnlich, weil nicht unterscheidbar), erstreckt sich auf das Verwechseln von 'b' und 'd', auf spiegelverkehrtes Schreiben einzelner Buchstaben und Ziffern, das Verwechseln von 'vor' und 'nach', und auf gehäuft auftretende Zahlendreher (Reihenfolge der Zehner und Einer).

Zu Beginn des 1. Schuljahrs verwechseln viele Kinder die Zahlwörter 'zwölf' und 'zwanzig'. Die Ähnlichkeitshemmung beachten heißt hier, auf die Zwanzig erst mal zu verzichten und die Zwölf einzuschleifen. Eine Eselsbrücke wie 'zw wie zwei und zw wie zwölf' kann dabei helfen, wenn die Kinder den Umgang mit den Zahlenkarten gewohnt sind (siehe Kapitel 'Erste Schritte (in der Mathematik)'.


Die Kraft der visuellen Wahrnehmung

Die meisten Menschen haben eine bessere visuelle als akustische Wahrnehmung. Beim Erklären ist eine visuelle Veranschaulichung deshalb vielfach wesentlich.
Im Rahmen der Mathematikförderung ist es oft sinnvoll, wenn man die Aufgabenstellung aufschreibt und nicht nur mündlich nennt. Das Einmaleins übe ich deshalb mit den Kindern durch schriftliche Übungen ein.


Die Kraft innerer Bilder

Wegen der Kraft der visuellen Wahrnehmung ist es günstig, wenn man den Kindern Bilder und Vorstellungen vermittelt, die sie gut verinnerlichen und die sie in möglichst vielen Situationen gewinnbringend nutzen können.

In der Grundschul-Mathematik leisten dies die Fingerbilder und die Montessori-Zahlenkarten.


Die Kraft des Rhythmus

Auf die Bedeutung des Rhythmus bin ich gestoßen, als ich mit Kindern die verliebten Zahlenpaare eingeübt habe (die Zahlenpaare, die sich zu 10 ergänzen).

Ich schreibe den Kindern die Zahlenpaare

6 4
7 3
8 2

auf und sage sie ihnen rhythmisch vor (abwechselnd unbetonte/betonte Aussprache, Betonung auf 4, 3 und 2). Dann nehme ich das Aufgeschriebene weg (hole es bei Bedarf aber wieder für kurze Momente hervor). Das rhythmische Sprechen wiederhole ich in mantra-artiger Form mit den Kindern, und danach tun das nur noch die Kinder.

Ich beschränke mich auf diese Zahlenpaare, weil die Kinder keine Probleme mit den fehlenden Paaren haben, vor allem aber, weil der Rhythmus damit besonders ausgeprägt ist und diese Beschränkung auch dem Three Chunks only-Prinzip genügt.

Von großer Bedeutung ist der silbengliedernde Sprechrhythmus. Das silbensegmentierende Sprechschreiben der FRESCH-Methode bringt die Kinder in einen Schreibmodus, bei dem sie Rechtschreibdetails beachten. Das silbengliedernde Sprechschreiben lässt sich hervorragend mit der silbenanalytischen Methode kombinieren, welche die Gesetzmäßigkeiten der deutschen Zweisilber zum Inhalt hat. Auf diese Weise lassen sich wichtige Sprachstrukturen auf einfache Weise vermitteln, nämlich die ie-Schreibung und die Konsonantenverdopplung. Der vielen Kindern nicht vermittelbare Weg über lange und kurze Vokale bleibt ihnen erspart.


Die Kraft der kleinen Schritte, die Kraft der Langsamkeit

Leistungsschwächere Kinder kann man nur kleinschrittig vorwärts bringen. Die Kinder brauchen Zeit, damit das jeweilige Lernthema eine Chance hat, sich nachhaltig einzuprägen.

Das bedeutet, dass man sich zu jedem Zeitpunkt auf ein Lernthema konzentriert und dass man beim lernenden Erarbeiten und Einüben Methoden wählt, bei denen sich auch das Kind Zeit nimmt für die Details.

Beim silbensegmentierenden Sprechschreiben der FRESCH-Methode sprechen die Kinder laut im Silbenrhythmus den zu schreibenden Text und schreiben ihn synchron dazu mit. Das erzwingt langsames konzentriertes Sprechen und Schreiben.

Die Kraft der Langsamkeit ist besonders beim Automatisieren gefordert.


Die Kraft des Vormachens

Bei vielen Themen gelingt die Förderung am besten, indem man die Kinder deutlich führt, in der Mathematik z.B. den Lösungsweg 'vormacht'.

Deutlich geführtes Lernen steht im Spannungsfeld zum heute favorisierten selbstentdeckenden Lernen. Es ist aber wohl unstrittig, dass leistungsschwächere Kinder Führung benötigen.

Einen echten Gegensatz gibt es ohnehin nicht. Auch ausgeprägt selbstentdeckendes Lernen findet in einem letztlich Führung darstellenden Rahmen statt. Es sind die Details, bei denen selbstentdeckendes Lernen möglich ist. Und das lässt sich situativ auch bei ausgeprägter Führung tun.




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www.horst-albrecht.de Stand: 19.10.2017