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Wie Kinder lernen I


Grundschulkinder fördern

Wie Kinder lernen I

Wie Kinder lernen II

Lernen mit Wohlfühlfaktor

Elemente guter Förderung

Fallstricke

Raumlage-Wahrnehmungsstörungen

Mathematik

Deutsch


In diesem Kapitel möchte ich beleuchten, wie leistungsstärkere Kinder lernen und was demgegenüber die Schwierigkeiten vieler leistungsschwächerer Kinder ausmacht.

Wie lernen leistungsstärkere Kinder?

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass leistungsstärkere Kinder hauptsächlich selbstständig lernen. Das Elternhaus (in den ersten Lebensjahren) und die Schule (danach) liefern hauptsächlich Anregungen; das eigentliche Erarbeiten der Erkenntnisse und Fertigkeiten hingegen leisten die Kinder weitgehend selbst.

Nehmen wir die gesprochene Sprache. Diese wird nicht oder kaum explizit von den Eltern vermittelt. Vielmehr liefert die Tatsache, dass in einer Familie gesprochen wird, den Anregungsrahmen, auf dessen Basis die Kinder sich die gesprochene Sprache hörverstehend und aktiv sprechend selbst aneignen.

Ähnliches gilt für das Lesenlernen. Die Zuordnung der Buchstaben zu den Lauten kann man noch lehrend vermitteln, aber alles andere bringen sich die leistungsstärkeren Kinder selbst bei: das Zusammenschleifen zweier Buchstaben zu einer Lautkombination (dabei kann man leistungsschwachen Kindern noch helfen), das Vorabscannen der Buchstaben eines Wortes und darauf basierend die Untergliederung in Silben und Wortbestandteile, das flüssige Lesen ganzer Sätze, wozu das Vorabscannen mehrerer Wörter und die praktische Erfahrung mit Satzbausteinen erforderlich ist. Diese komplexen Bestandteile des Lesenlernens sind kaum explizit vermittelbar. Eine Leseförderung liefert hauptsächlich einen anregenden, ermutigenden und unterstützenden Rahmen, die eigentliche Leselernleistung erbringen die Kinder weitgehend ohne Anleitung selbst.

Analoges gilt für die Mathematik. Wie in der Einführung anhand der Aufgabe '9 - 6' beschrieben weist die aktuell meist praktizierte Didaktik Lücken auf. Den meisten Kindern wird im 1. Schuljahr keine Rechenstrategie an die Hand gegeben, um die genannte und ähnliche Aufgaben nichtzählend zu bewältigen. Dennoch haben leistungsstärkere Kinder keine Probleme mit diesen Aufgaben.

Was benötigen die leistungsstärkeren Kinder für ihre Leistungen?

Da sind zum einen die von außen kommenden Anregungen. Aus den obigen Beispielen wird klar, dass bezüglich der vorschulischen Entwicklung solche Kinder die bessere Ausgangsposition haben, in deren Familie viel und anregend gesprochen wird und auch in anderer Weise, etwa durch Vorlesen, der Umgang mit Sprache selbstverständlich ist. Bei vielen Spielen werden die Kinder mit Zählen und Zahlen konfrontiert, so dass Kinder aus Familien, in denen viel gespielt wird, eine günstige Ausgangssuituation für die Mathematik aufweisen. Ähnlich sehe ich es bezüglich der Raumlage-Wahrnehmungsstörungen. Kinder, die sich viel bewegen, insbesondere draußen, und die mit den entsprechenden sprachlichen Bezeichnungen häufig konfrontiert werden, haben bessere Chancen, davon unberührt zu bleiben als Kinder, die schon in frühen Jahren vor dem Fernseher oder anderen elektronischen Geräten geparkt werden.

Auf der Seite der Kinder wird hauptsächlich die Fähigkeit benötigt, Strukturen zu erkennen und zu berücksichtigen.


Was behindert mäßig leistungseingeschränkte Kinder?

Mäßig leistungseingeschränkte Kinder lernen ähnlich wie leistungsstärkere Kinder. Sie benötigen aber mehr Zeit als diese. Ihnen kann weitgehend mit den in der Schule vermittelten Methoden geholfen werden. Diese Kinder sprechen gut auf die innerschuliche Förderung an bzw. auf klassische Nachhilfemaßnahmen.

Die Grenzen sind jedoch fließend. Manchmal sind andere Methoden als die in der Schule praktizierten geeigneter für diese Kinder. Für die schulische Förderung bzw. für die Nachhilfe ist es deshalb sinnvoll, einen guten Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten zu haben.


Was behindert ausgesprochen leistungsschwache Kinder?

Ausgesprochen leistungsschwachen Kindern fehlt meist die Fähigkeit, Strukturen zu erkennen und nachhaltig zu berücksichtigen.

Man muss deshalb die für das jeweilige Kind nachhaltig beherrschbaren Strukturen identifizieren und die für die Vermittlung geeigneten Wege finden. Beim Rechnen mit Zehnerübergang kann beispielsweise zählendes Rechnen die Lösung sein, wenn nicht erwartet werden kann, dass anspruchsvollere Strategien nachhaltig beherrschbar sind. Zählendes Rechnen wird zu Unrecht pauschal verteufelt (siehe Kapitel 'Fallstricke: Alles oder nichts?').

Wichtig finde ich, den Fokus bei der Förderung auf die zweite Hälfte des 1. Schuljahrs und auf das 2. Schuljahr zu legen. Da sind auch leistungsschwache Kinder in der Regel noch motiviert und haben noch nicht allzu viele negative Erfahrungen gesammelt, welche die innere Anstrengungsbereitschaft herabsetzen.

Inbesondere die im 1. Schuljahr auftretenden ersten Schwierigkeiten beim Lesenlernen lassen sich noch am ehesten auffangen. Unterbleibt dies, muss man damit rechnen, dass die Kinder eine Abneigung gegen das Lesen entwickeln und hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.
Auch in der Mathematik rächen sich später Mängel in den Basisfertigkeiten wie dem Beherrschen der Grundrechenarten im Zahlenraum bis 10.




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www.horst-albrecht.de Stand: 5.2.2019