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Wie Kinder lernen II


Grundschulkinder fördern

Wie Kinder lernen I

Wie Kinder lernen II

Lernen mit Wohlfühlfaktor

Elemente guter Förderung

Fallstricke

Raumlage-Wahrnehmungsstörungen

Mathematik

Deutsch


Hier geht es mir um das Spannungsfeld 'Verständnisvolles Lernen' - 'Mechanisches Lernen' - 'Auswendiglernen', das für die Förderung leistungsschwächerer Kinder wesentlich ist.

Verständnisorientiertes Lernen

In der Mathematik steht das verständisgeleitete Erarbeiten eines Themas am Anfang der Behandlung des jeweiligen Themas.

Zu Beginn des 1. Schuljahr müssen die Kinder ein grundlegendes Verständnis für Zahlen entwickelt haben oder jetzt entwickeln. Dann müssen sie ein Verständnis für die Rechenoperationen der Addition, Subtraktion und des Ergänzens aufbauen. Dies geschieht zunächst im Bereich der kleinen Zahlen bis maximal 20 und wird in den folgenden Schuljahren auf größere Zahlen ausgeweitet sowie auf die Rechenoperationen Multiplikation und Division.

So weit, so gut. Nur: die aktuelle Didaktik räumt dem verständnisvollen Umgang mit der Mathematik oft mehr Gewicht ein als meiner Überzeugung nach sachdienlich ist.

Das beginnt beim Zahlbegriff. Wer ein Kind auf Dyskalkulie testen lässt, wird mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit erleben, dass dem Kind ein unzureichender Begriff bezüglich der Mengeninvarianz und damit ein unzureichendes Zahlenverständnis attestiert wird. Den Kindern wird bei den entsprechenden Tests oft abverlangt, zu zwei gleich großen Punktmengen in unterschiedlich raumgreifender Darstellung zu sagen, welche Menge größer ist. Den Kindern, die das 'größer' oder 'mehr' im Sinne von 'raumgreifender' verstehen, wird dann ein unzureichendes Zahlenverständnis unterstellt. Dabei hat den betreffenden Kindern schlicht noch niemand gesagt, dass das 'größer' oder 'mehr' sich auf die Anzahl bezieht.

Wenn ein Kind zu einer vorgegebenen Menge von bis zu 10 Objekten, beipielsweise Plättchen, die Frage 'Wie viele Plättchen sind das?' korrekt beantworten kann, hat es einen guten tragfähigen Zahlbegriff. Und das ist bei Schuleintritt auch bei leistungsschwächeren Kindern fast immer der Fall, oder es ist kurzfristig erreichbar.

Was auch praktisch jedes Kind weiß, ist, dass man zu jeder Zahl eine größere finden kann, indem man weiterzählt. Das ist eine wesentliche Eigenschaft der natürlichen Zahlen, um die es in der Grundschule geht. In der Praxis ist dazu erforderlich, dass man bezüglich der Zahlworte und Zahlsymbole korrekt weiterzählen kann. Das ist weit weniger selbstverständlich als es scheint. Bereits im 1. Schuljahr verwechseln manche Kinder das Zahlwort 'zwölf' mit 'zwanzig', und/oder sie können weit weniger gut von 'neun' bis 'zwölf' zählen als von 'dreizehn' bis 'neunzehn'. Hinter dem letzten Problem steckt die fehlende Systematik unseres Zahlwortsystems. Dieses erhält erst ab 'vierzig' eine konsequente Systematik.

Dem gut beherrschten Weiterzählen im Sinne der Zahlworte und Zahlsymbole kommt deshalb besondere Bedeutung zu. Das gilt besonders im 2. Schuljahr, wo die Kinder zum ersten Mal umfassend mit dem Dezimalsystem konfrontiert werden.

Nützlich sind Ableitungsstrategien. Die vielleicht wichtigste Ableitungsstrategie, deren Nutzung in vielen Situationen hilfreich ist, ist die der Nachbaraufgaben. Wer die Lösung zu '4 + 4' kennt, kann sich die der Nachbaraufgabe '5 + 4' erschließen.

Ableitungsstrategien erleben aktuell einen derartigen Hype, dass andere Strategien manchmal zu kurz kommen. Das führt beispielsweise dazu, dass für eine Aufgabe wie '9 - 6' keine Rechenstrategie vermittelt wird.
Beim Automatisieren des Einmaleins gibt es eine Tendenz zu einer Ableitungsstrategie, bei der sich jede Einmaleinsaufgabe als Addtion oder Subtraktion von Kernaufgaben errechnen lässt. Die Kernaufgaben sind dabei die Aufgaben der Einer-, Zweier-, Fünfer- und Zehner-Reihe. Dies soll am Ende des 2. Schuljahrs geschehen. Das ist in dieser Form unrealistisch, auch für leistungsstärkere Schüler.

Im Fach 'Deutsch' gibt es eine Tendenz zu kognitiven Rechtschreibregeln, die oft nicht praktikabel sind und manchmal sogar sachlich fehlerhaft. Das gilt besonders für die Regel 'Das stumme h, das ist nicht schwer, steht meist vor l, m, n und r'. Zunächst fällt das feige 'meist' auf, das man zwangsweise durch 'immer' ersetzen muss, wenn man die Regel anwenden will. Dann aber ist die Regel hoffnungslos fehlerhaft, denn dann müsste man z.B. 'Schule' mit einem 'h' vor dem 'l' schreiben. Wenn man die Regel genauer untersucht, stimmt sogar ein 'meist' nicht. Bestenfalls ein 'oft' (nicht im Sinne von 'meist') wäre angemessen. Das beste, was man von dieser Rechtschreibregel sagen kann, ist, dass sie sowieso niemand anwendet, weil sie für die Rechtschreibpraxis zu kompliziert ist. Dabei erwähnt sie noch nicht einmal eine wichtige und von manchen Schülern nicht leicht zu befolgende Voraussetzung, dass nämlich ein langer Vokal vorausgehen muss.

Mechanisches Lernen

Diese Art des Lernens klingt antiquiert. Es ist aber für viele Themen eine wichtige Lernform. Mechanisches Lernen ist oft nicht strikt vom verständnisorientierten Lernen und Auswendiglernen abzugrenzen.

Auch wenn die aktuelle Didaktik mechanisches Lernen eher verteufelt, verlangt sie an manchen Stellen den Kindern genau dies ab. In Lehrbüchern wird beispielsweise selten erarbeitet, dass Subtrahieren und Ergänzen identische Rechenoperationen sind. Wenn die Kinder zu einer Subtraktions- und der entsprechenden Ergänzungsaufgabe sagen sollen, welche Aufgabe ihnen leichter fällt, wird entweder vorausgesetzt, dass den Kindern klar ist, dass die beiden Aufgabenstellungen identisch sind, oder es wird von den Kindern erwartet, dass sie das als Fakt ohne Begründung hinnehmen.
Wobei anzumerken ist, dass die Kinder mechanisches Fakten-Lernen nicht als unnatürlich emnpfinden.

Wenn nicht erarbeitet wird, dass Subtrahieren und Ergänzen identische Operationen sind, empfinde ich das als Versäumnis. Wann immer eine Erklärung auf gut nachvollziehbare Weise möglich ist, sollte man nicht darauf verzichten. Man sollte allerdings die Tragweite von Verständnis nicht überbewerten.

Um zu einer realistischen Bewertung von Verständnis zu kommen, kann man die Bedeutung der verschiedenen Lernformen betrachten im zeitlichen Ablauf der Lernvorgänge. Verständnis ist bei der Einführung eines Themas wichtig, und die Herausforderung für den Lehrenden besteht darin, das Thema verständlich zu vermitteln.

Beim Tauschaufgabenprinzip der Addition beispielsweise sind Rechengeschichten ohne Hinzufügenhandlung zur verständnisvollen Vermittlung geeignet, weil bei diesen die symmetrische Bedeutung der beiden Summanden transparent ist.

Für die Rechenpraxis ist dann aber nur noch das Prozedere wichtig, immer den größeren Summanden als ersten Summanden anzusehen. Dies gilt es mechanisch einzuüben, so dass es perfekt 'sitzt'. Verständnis ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr erforderlich.

Im Fach 'Deutsch' steht eine gute Praxis der Rechtschreibstrategien im Schnittpunkt zwischen verständnisorientiertem und mechanischem Lernen. Eine nützliche Rechtschreibstrategie ist beispielsweise die des silbensegmentierenden Sprechschreibens. Die Kinder sprechen und schreiben dabei jeweils eine Silbe, bevor sie die nächste Silbe sprechen und schreiben. Das bewirkt, dass sie sich auf die Details einer Silbe konzentrieren. Insbesondere die Konsonantenverdopplung lässt sich auf diese Weise gut einüben.
Auf der Verständnisebene ist hier vorab das Silbengefühl herauszuarbeiten, welches seinerseits durch das silbenweise Sprechschreiben vertieft wird. Für den praktischen Erfolg aber ist das Praktizieren des konsequenten mechanischen silbenweise Sprechschreibens wesentlich, nicht das Silbenverständnis per se. Analoges gilt für die Rechtschreibstrategien des Verlängerns und des Ableitens. Konkrete mechanisch durchgeführte Handlungen sind für den praktischen Erfolg entscheidend, nicht das nur theoretische Verständnis dieser Strategien.

Auswendiglernen

Letzten Endes sind Fertigkeiten gefragt. Bezüglich der Rechenoperationen im Zahlenraum bis 10 beispielsweise sind die Kinder in die Lage zu versetzen, alle diese Aufgaben auf Anhieb lösen zu können. Sie müssen die Ergebnisse auswendig abrufen können. Dieses Auswendig-Abrufen-Können der Lösungen aller Additions-, Subtraktions- und Ergänzungsaufgaben im Zahlenraum bis 10 ist eine Basisfertigkeit. Wer hier deutliche Defizite aufweist, wird es später schwerhaben, Aufgaben wie '12 + 6', '32 + 6' oder '20 + 60' mühelos zu rechnen. Wer die Lösung von Ergänzungsaufgaben wie '2 + __ = 6' nicht auswendig abrufen kann, wird Probleme mit dem in der Schule meist vermittelten Teilschrittverfahren haben für Rechnungen mit Zehnerübergang. Bei diesem wird die Aufgabe '8 + 6 =' dadurch gelöst, dass erst 2 addiert wird bis zur 10, und zur 10 dann die Lösung der Ergänzungsaufgabe '2 + __ = 6'.

Für den Fördernden besteht die Herausforderung darin, Lernstrukturen zu finden, so dass sich das Auswendiglernen möglichst mühelos gestaltet. Aus der Sicht des Lehrenden gilt es also, derartige intelligente Strukturen zu finden. Aus der Sicht des Lernenden ist das Auswendiglernen mechanisches Lernen, und damit schließt sich der Kreis.




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www.horst-albrecht.de Stand: 21.4.2019